Desinformation und Deepfakes

Bedrohung und Risikomanagement im wirtschaftspolitischen Kontext

Ausschnitt eines Gesichts im Anzug, das Bild ist mit einer Bildstörung belegt
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September 2026


Die Bilder der Migrantinnen und Migranten aus Marokko, die Ende Juli 2026 massenweise im spanischen Ceuta strandeten, gingen um die Welt. Schnell bestätigte sich, dass die Fluchtbewegung maßgeblich durch sog. Fake News via Social Media ausgelöst worden war. Dieses Worst Case Szenario macht exemplarisch deutlich, welche politischen Gefahren gezielt gestreute Falschinformationen darstellen. Dieser Beitrag beleuchtet die wichtigsten Begriffe, wissenschaftlichen Erkenntnisse und Handlungsperspektiven rund um das Thema Desinformation mit Blick auf den wirtschaftspolitischen Kontext.

 

Zentrale Begriffe rund um Desinformationen

„Desinformation“ bezeichnet die gezielte Verbreitung falscher, manipulierter oder irreführender Informationen mit dem Ziel, Wahrnehmungen, Einstellungen oder Entscheidungen zu beeinflussen. Entscheidend ist dabei die bewusste Täuschungs- oder Beeinflussungsabsicht. Desinformation ist damit der übergeordnete Begriff und kann ganz unterschiedliche Formen und Medien umfassen.

Fake News sind falsche oder irreführende Inhalte, die in Form und Aufmachung wie journalistische Nachrichten erscheinen und dadurch Glaubwürdigkeit erzeugen sollen. Im Unterschied zur Desinformation bezeichnet der Begriff dabei stärker eine bestimmte Darstellungsform. Allerdings wird „Fake News“ im öffentlichen Diskurs häufig unscharf verwendet und ist daher analytisch weniger präzise.

Deepfakes sind mithilfe künstlicher Intelligenz erzeugte oder manipulierte Bild-, Audio- oder Videoinhalte, durch die beispielsweise Personen scheinbar etwas sagen oder tun, das tatsächlich nicht stattgefunden hat. Anders als Desinformation bezeichnet „Deepfake“ zunächst eine technische Form der Erzeugung oder Manipulation von Medieninhalten. Ein Deepfake muss daher nicht zwingend Desinformation sein – etwa, wenn es als Satire klar gekennzeichnet ist. Wird es jedoch gezielt zur Täuschung eingesetzt, kann es zum Instrument von Desinformation werden.

Insgesamt lässt sich daraus ableiten, dass Desinformation als Überbegriff die irreführende Motivation und gleichzeitig Konsequenz der Datenmanipulation darstellt. Sie kann Fake News und Deepfakes sowie andere Wege der Falschinformation beinhalten. Mit dem schnellen Wandel der Informationstechnologien und entsprechender Möglichkeiten der Informationsaufbereitung und Verbreitung steigt auch die Bedrohungslage für alle Gesellschaftsbereiche rapide.
 

Relevanz für die mittelständische Wirtschaft

Desinformation kann für Unternehmen sehr konkrete wirtschaftliche Folgen haben: Reputations- und Vertrauensverlust, Absatzrückgänge, Beeinträchtigungen von Geschäftsbeziehungen oder die gezielte Diskreditierung von Produkten und Technologien. Dass deutsche Unternehmen bereits konkret betroffen sind, zeigt die 2026 veröffentlichte Studie „Desinformationsangriffe gegen Unternehmen“ des VSW-Bundesverbands. Sie dokumentiert unter anderem wiederholte koordinierte Falschmeldungen über große Unternehmen, insbesondere im Zusammenhang mit Energieversorgung und angeblichen wirtschaftlichen Folgen des Ukrainekriegs. Für 2024 und 2025 identifiziert die Studie zudem die deutsche Automobilindustrie als verstärktes Ziel russischer Desinformationsnarrative, mit denen wirtschaftliche Krisen zugespitzt und Vertrauen untergraben werden sollen.

Auch für Baden-Württemberg stuft die Landesregierung das Risiko ausdrücklich als wirtschaftlich relevant ein. Unternehmen und Forschungseinrichtungen im Land seien zunehmend Angriffen ausgesetzt, die ökonomische Schäden verursachen können – von gefälschten Bewertungen über die Diskreditierung von Produkten bis zur gezielten Infragestellung von Qualität und Sicherheit. Betroffen sind damit unmittelbar Wettbewerbsfähigkeit, Investitionsvertrauen und Innovationskraft. Belastbare öffentlich verfügbare Zahlen über die Zahl konkret betroffener Unternehmen oder die Schadenshöhe speziell in Baden-Württemberg liegen bislang jedoch nicht vor.
 

Wachsende Besorgnis in der Öffentlichkeit

Die wachsende reale Bedrohung durch Desinformationen findet sich auch in der öffentlichen Wahrnehmung wider. Im jüngst erschienenen Reuters Institute Digital News Report 2026 geben weltweit 62 % der Befragten an, besorgt darüber zu sein, im Internet zwischen wahren und falschen Informationen nicht unterscheiden zu können. Gegenüber dem Vorjahr entspricht dies einem Anstieg um vier Prozentpunkte. Besonders auffällig ist die Entwicklung in Westeuropa: In allen untersuchten westeuropäischen Märkten nahm die Besorgnis um mindestens vier Prozentpunkte zu. Als Treiber dieser Entwicklung gelten u. a. die zunehmende Sichtbarkeit von Deepfakes, KI-generierten Inhalten und politisch motivierter Desinformation.

Auch die Wahrnehmung einzelner Informationskanäle zeigt eine erhebliche Unsicherheit. Weltweit vertrauen lediglich 22 % der Befragten den Nachrichten, die sie über soziale Medien erreichen; bei Nachrichteninformationen aus KI-Chatbots sind es 20 %. Demgegenüber liegt das allgemeine Vertrauen in Nachrichten bei 37 %. Für Deutschland fällt das allgemeine Nachrichtenvertrauen mit 46 % zwar höher aus, gleichzeitig gewinnen gerade digitale und soziale Zugangswege weiter an Bedeutung.

Für die Wirtschaft ist an diesen Ergebnissen vor allem der Trend der Risikowahrnehmung relevant: Die zunehmende Verfügbarkeit KI-generierter Inhalte geht mit einer wachsenden Unsicherheit darüber einher, welchen Informationen überhaupt noch vertraut werden kann. Deepfakes treffen damit auf ein Umfeld, in dem die Möglichkeit digitaler Manipulation von den Nutzerinnen und Nutzern zunehmend selbst als Problem wahrgenommen wird. Die Daten zeigen somit einen messbaren Vertrauens- und Verifikationsdruck im digitalen Informationsraum.
 

Technische Präventionsmöglichkeiten und strategische Ansätze

Vollständig verhindern lässt sich Desinformation jedoch technisch nicht. Eine jüngst erschienene Studie unter dem Titel „Multilingual misinformation detection in social media“ zeigt bei multilingual erzeugter Desinformation charakteristische sprachliche Unterschiede, aber auch Grenzen der automatisierten Erkennung durch große Sprachmodelle (LLMs). Eine weitere Studie „MegaFake - A theory-driven dataset of fake news generated by large language models“ kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Detektionsmodelle für menschlich erzeugte Falschinformationen nicht ohne Weiteres auf KI-generierte Fake News übertragbar sind.

 
Unternehmen sollten sich daher nicht auf ein einzelne Erkennungstools verlassen und stattdessen ganzheitliche Konzepte entwickeln, um ihre Verwundbarkeit zu reduzieren. Ausgangspunkt sollte eine Risikoanalyse sein: Welche Personen, Produkte, Marken oder Themen sind besonders angreifbar, welche Stakeholder könnten betroffen sein und über welche Kanäle könnten sich Falschinformationen verbreiten? Darauf aufbauend sollten Verantwortlichkeiten, Monitoring und Reaktionsabläufe festgelegt werden. Auch die aktuelle VSW-Studie betont die Bedeutung einer solchen organisatorischen Resilienz.
 

Impulse für mehrstufiges Risikomanagement

Damit steigt der Bedarf für ein mehrstufiges Risikomanagement, das technische, organisatorische und kommunikative Maßnahmen verbindet. Gerade für die mittelständisch geprägte Wirtschaft Baden-Württembergs sollten die Maßnahmen praktikabel bleiben: Awareness, gezieltes Monitoring, verlässliche Verifikation sowie klare Eskalations- und Kommunikationswege bilden dabei die zentralen Bausteine.

  • Sensibilisierung: Besonders wichtig ist die Sensibilisierung von Führungskräften und Beschäftigten. Sie sollten typische Formen von Desinformation und Deepfakes erkennen und wissen, wie Verdachtsfälle intern weitergegeben werden. IHKs, Handwerkskammern, Wirtschaftsverbände und regionale Netzwerke können insbesondere KMU dabei unterstützen, entsprechende Kompetenzen aufzubauen und Erfahrungen auszutauschen.
  • Früherkennung: Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf Früherkennung und Verifikation. Unternehmen sollten relevante Aussagen über ihre Marke, Produkte, Führungspersonen und sensible Geschäftsthemen beobachten und verdächtige Inhalte anhand von Quelle, Kontext und unabhängigen Informationen überprüfen. Da automatisierte Erkennung bislang an Grenzen stößt, sollte dabei nicht allein auf technische Detection-Tools vertraut werden.
  • Klare Zuständigkeiten: Für den Ernstfall braucht es schließlich klare Zuständigkeiten: Wer bewertet einen Verdachtsfall, wer entscheidet über eine Reaktion und über welche Kanäle werden verlässliche Informationen verbreitet? Nicht jede Falschinformation verlangt eine öffentliche Antwort; ausschlaggebend sind Reichweite, Glaubwürdigkeit und potenzieller wirtschaftlicher Schaden. Für Baden-Württemberg bietet sich dabei eine stärkere Vernetzung von Unternehmen, Wirtschaftsorganisationen, Wissenschaft und staatlichen Stellen an.
     

Wichtige Quellen und Links

Grothe, M., Nehring, C. & VSW-Bundesverband (2026). Desinformationsangriffe gegen Unternehmen: Aktuelle Fallbeispiele, Einschätzungen und ein Rahmenmodell Hybrid. VSW-Bundesverband.
VSW – Studie „Desinformationsangriffe gegen Unternehmen“ (PDF)

Hölig, S., Behre, J., Stöwing, E. & Möller, J. (2026). Reuters Institute Digital News Report 2026: Ergebnisse für Deutschland. Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut.
Reuters Institute Digital News Report 2026 – Deutschland

Land Baden-Württemberg (2025). Aktionsplan gegen Desinformation.
Aktionsplan gegen Desinformation Baden-Württemberg (PDF)

Multilingual misinformation detection in social media: A structured survey of challenges and deep learning solutions. (2026). Applied Soft Computing.
ScienceDirect – Multilingual misinformation detection