Mobilität in Zeiten technologischen Wandels

Resilienz vor Effizienz

Mobilität

Januar 2026


Am 12. Dezember 2025 wurde der dritte missionsorientierte Förderaufruf im Rahmen des Programms Invest BW zum Schwerpunkt „Mobilität und Transport“ veröffentlicht. Das Thema ist zentraler Teil der Zukunftsbilder für die Wertschöpfung von Baden-Württemberg. Grund genug, sich einige zentrale Stichwörter im Kontext der Mobilität genauer anzuschauen.

Hintergrund: Zukunftsbilder der Wirtschaft in BW

Im Frühjahr 2024 erschien das im Auftrag des Technologiebeauftragten der Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus erstellte Impulspapier „Zukunft der Wertschöpfung Baden-Württemberg“ unter der Federführung von Prof. Dr. Katharina Hölzle (Fraunhofer IAO). Es versteht sich nicht als politisches Maßnahmenprogramm, sondern als strategischer Denkanstoß, der aufzeigt, wie sich der Wirtschafts- und Innovationsstandort Baden-Württemberg langfristig – bis zum Jahr 2035 – unter den Bedingungen tiefgreifender technologischer, ökologischer und gesellschaftlicher Veränderungen weiterentwickeln kann.

Zur Strukturierung dieser Perspektive entwickelt das Papier Zukunftsbilder bzw. Themenfelder, in denen besonders große Transformations- und Innovationspotenziale gesehen werden. Ein zentrales Feld ist die Mobilität, die über den klassischen Fahrzeugbau hinaus neu gedacht wird und nachhaltige, vernetzte und intermodale Lösungen einschließt. Daneben gibt es die Felder: Materialien und Ressourcen, Gesundheit und Leben, Maschinenbau und Robotik, sowie Cyber und Service. Zur Stärkung von Innovationen in diesen Bereichen wurden im Laufe von 2025 insgesamt drei missionsorientierte Förderaufrufe veröffentlicht. Die Einreichungsfrist für Skizzen zum Thema Mobilität ist der 20. Februar 2026. Auch die folgenden Schlüsselwörter werden hier eine Rolle spielen.
 

Resiliente Lieferketten: Paradigmenwechsel über Effizienz hinaus

Resiliente Lieferketten bedeuten allgemein die Fähigkeit von Unternehmen und ganzen Wertschöpfungsnetzwerken, Störungen zu verkraften, sich anzupassen und handlungsfähig zu bleiben, ohne dass Produktion, Innovation oder Wettbewerbsfähigkeit dauerhaft beeinträchtigt werden. Resilienz geht dabei deutlich über reine Effizienz oder Kostensenkung hinaus und ist eine direkte Reaktion der Erfahrungen aus Pandemie, geopolitischen Konflikten, Energiekrisen, Rohstoffengpässen und Klimarisiken.
Mit Fokus auf die Digitalisierung von Lieferketten bedeutet dies den Übergang von isolierten, reaktiven Logistik- und Produktionsprozessen hin zu durchgängig vernetzten, datenbasiert gesteuerten Mobilitäts- und Transportflüssen. Für KMU in Baden-Württemberg – insbesondere Zulieferer, Logistikdienstleister, Fahrzeug- und Systemanbieter – ist das ein zentraler Hebel, um sich in zunehmend komplexen Mobilitätsökosystemen zu behaupten. Konkret bedeutet dies für Unternehmen folgende Innovationsmöglichkeiten:

  • Echtzeit-Transparenz über Transport- und Fahrzeugbewegungen: Durch Telematik, Track-and-Trace-Systeme und Sensorik in Fahrzeugen und Containern werden Standort, Zustand, Auslastung und Ankunftszeiten kontinuierlich erfasst.
  • Digitale Kopplung von Produktion, Logistik und Transport: Produktionsplanung, Lagerbestände und Transportprozesse werden miteinander verknüpft, sodass Just-in-Time- und Just-in-Sequence-Lieferungen dynamisch angepasst werden können.
  • Plattform- und Schnittstellenintegration: Digitale Logistik- und Mobilitätsplattformen ermöglichen den sicheren Datenaustausch mit OEMs, Zulieferern, Speditionen und Infrastrukturbetreibern, ohne dass KMU eigene komplexe IT-Systeme aufbauen müssen.
  • Datenanalyse und Prognose für Verkehrs- und Lieferkettenrisiken: Verkehrsaufkommen, Wetterdaten, Baustellen, Grenz- oder Infrastrukturausfälle werden in die Transportplanung integriert, um Routen und Zeitfenster vorausschauend zu optimieren.
  • Digitale Lieferketten-Zwillinge für Mobilitätsprozesse: Virtuelle Modelle von Transport- und Liefernetzwerken erlauben es, Engpässe zu simulieren und alternative Szenarien zu testen, bevor reale Entscheidungen getroffen werden.

Aus der digital-gestützten Stärkung resilienter Lieferketten ergeben sich klare wirtschaftliche Vorteile für KMU. Optimierte Routenplanung, bessere Auslastung von Transportmitteln und eine präzisere Abstimmung von Produktion und Logistik führen zu sinkenden Transport- und Energiekosten. Für KMU, die häufig mit knappen Margen arbeiten, kann dies einen entscheidenden Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit leisten. Gleiches gilt für das Thema Nachhaltigkeit, da Emissionen, Energieverbräuche und Transportleistungen messbar und steuerbar reduziert werden können und sogar neue Geschäftsmodelle entstehen können.

Innovationscampus Mobilität: Schnittstelle zentraler Akteure

Der Innovationscampus Mobilität der Zukunft (ICM) in Baden-Württemberg ist eine strategische Forschungs- und Innovationsplattform, mit der das Land den Wandel der Mobilität aktiv gestaltet. Er wurde 2019 vom Land Baden-Württemberg initiiert und ist gemeinsam von der Universität Stuttgart und dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) getragen. Ziel ist es, exzellente Grundlagenforschung, anwendungsnahe Entwicklung und industrielle Umsetzung systematisch miteinander zu verbinden.


Im Kern ist der Innovationscampus ein langfristig angelegtes, landesweites Innovationsökosystem. Er bündelt Kompetenzen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft, um neue Mobilitätslösungen ganzheitlich zu erforschen – technologisch, ökologisch, wirtschaftlich und sozial. Mobilität wird dabei nicht nur als Fahrzeugtechnik verstanden, sondern als komplexes System aus Verkehr, Energie, Digitalisierung, Infrastruktur, Produktion und Nutzung. Er adressiert sämtliche Transformationsfelder der Mobilität, darunter Klimaneutralität, alternative Antriebe und Automatisierung. Ebenso wichtig sind neue Mobilitätskonzepte, die Individualverkehr, öffentlichen Verkehr, Logistik und neue Angebote intelligent miteinander verknüpfen. 


Charakteristisch für den Innovationscampus ist sein interdisziplinärer Ansatz. Ingenieurwissenschaften arbeiten hier eng mit Informatik, Naturwissenschaften, Wirtschafts-, Sozial- und Rechtswissenschaften zusammen. Dadurch sollen nicht nur technische Lösungen entstehen, sondern auch tragfähige Antworten auf Fragen der Regulierung, Akzeptanz, Beschäftigung und gesellschaftlichen Wirkung von Mobilität. Unternehmen werden frühzeitig in Forschungsprojekte eingebunden, sodass Wissen schneller in marktfähige Innovationen überführt werden kann und sich Experimentierräume zur frühzeitigen Erprobung der Praxistauglichkeit neuer Lösungen erschließen.

Fazit

Mit der gezielten Förderung von Innovationen im Bereich Mobilität und Transport wird ein sehr innovationsstarker Wirtschaftsraum weiter vorangetrieben, der für sämtliche Branchen in Baden-Württemberg zentrale Bedeutung hat. Ohne resiliente Lieferketten können keine Warenströme gewinnbringend koordiniert werden. Gleichzeitig bieten digitale Innovationen zur Stärkung der Mobilität Optionen für neue Geschäftsmodelle. Der Mobilitätssektor profitiert daher direkt von der Technologiestärke im Bundesland. Gleichzeitig ermöglicht er anderen Branchen, durch die Stärkung der Resilienz von Lieferketten, wettbewerbsfähig zu bleiben.


Mit dem Förderaufruf von Invest BW haben Unternehmen zu Beginn des Jahres die Chance, ihre innovativen Ideen mit ausreichend finanziellen Mitteln voranzutreiben. Doch in der hochdynamischen und digitalen Wirtschaft ist Geld nur ein Teil der Ausstattung. Vielmehr geht es auch weiterhin darum, durch gezielte Vernetzung mit genau jenen Partnern zusammenzukommen, die gemeinsame Interessen, Bedarfe und Zukunftsvisionen teilen. Anlaufstellen, die diese Expertise bündeln, darunter der Innovationscampus Mobilität, sind daher von großer Bedeutung, um den schnellen Transfer von der Forschung zur Anwendung zu unterstützen.